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Vom Bolzplatz zur eigenen Geschichte

Ein Blick in die Wolfsburger Kinder- und Jugendarbeit, Teil 3 von 4 

Als Tim an diesem Nachmittag auf den Bolzplatz in Detmerode kommt, ist er eigentlich nur wegen des Fußballs da. Ein Freund hatte ihm vom Stadtteilkick erzählt – einem offenen Fußballangebot der Mobilen Offenen Kinder- und Jugendarbeit – und Tim musste nicht lange überlegen. Fußball spielt er schon seit Jahren, und die Aussicht auf Bewegung und Spiel mit anderen Jugendlichen aus dem Stadtteil klang nach genau dem Richtigen für ihn. Schon von Weitem hört er Musik über den Platz schallen. Ein großes Banner kündigt den Stadtteilkick an, auf dem Bolzplatz herrscht reges Treiben. Kinder jagen dem Ball hinterher, Jugendliche feuern ihre Teams an, dazwischen stehen Mitarbeitende der Mobilen Offenen Kinder- und Jugendarbeit, kommen ins Gespräch, erklären Regeln, organisieren Abläufe und sorgen dafür, dass sich alle willkommen fühlen. Direkt neben dem Platz hat das Spielmobil seine Station aufgebaut. Zwischen Bewegungs- und Geschicklichkeitsangeboten ragt eine mobile Kletterwand in die Höhe, die immer wieder neugierige Blicke auf sich zieht.

Zunächst konzentriert sich Tim ganz auf das Fußballspielen. Schnell entstehen neue Kontakte, erste Gespräche, gemeinsames Lachen nach gelungenen Spielzügen oder vergebenen Chancen. Nach einigen Partien zieht es ihn dann doch zum Spielmobil. Er probiert verschiedene Angebote aus, beobachtet andere Kinder und Jugendliche – und steht kurze Zeit später selbst vor der Kletterwand. Zögerlich beginnt er den Aufstieg, doch mit jedem Griff wird er sicherer. Als er schließlich oben ankommt und über den Platz blickt, spürt er diesen besonderen Moment: stolz auf sich, ein bisschen überrascht, dass er sich das zugetraut hat, und irgendwie mittendrin statt nur dabei.

Nach dem Klettern kommt Tim mit den Fachkräften der Mobilen Offenen Kinder- und Jugendarbeit ins Gespräch. Dabei erfährt er, dass die Angebote der Jugendförderung weit über einzelne Veranstaltungen hinausgehen. Es geht nicht nur um einen Nachmittag auf dem Bolzplatz, sondern um Orte, Beziehungen und Möglichkeiten: um Räume, in denen junge Menschen andere kennenlernen, Neues ausprobieren, Unterstützung bekommen und eigene Ideen entwickeln können. Besonders hängen bleibt bei Tim der Hinweis auf die U18-Auswärtsfahrten des Fanprojekts Wolfsburg. Als großer Fan des VfL Wolfsburg ist seine Neugier sofort geweckt.

Beim Fanprojekt geht es um mehr als Fußball

Wenige Wochen später sitzt Tim tatsächlich zum ersten Mal in einem Reisebus des Fanprojekts auf dem Weg zu einem Auswärtsspiel des VfL Wolfsburg. Er kennt nur wenige der anderen Jugendlichen, doch das ändert sich schnell. Auf der Fahrt wird diskutiert, gelacht, gefachsimpelt – über Aufstellungen, Choreos, den Abstiegskampf, aber auch über aktuelle Trends und Musik. Für Tim ist es mehr als nur eine Fahrt zum Fußball. Es ist das Gefühl, dazuzugehören und auch das Gefühl von Selbstständigkeit und Freiheit überkommt ihn. Das Team vom Fanprojekt Wolfsburg erzählt Tim von ihrer Arbeit an Spieltagen aber auch was sie sonst noch unter der Woche, fern ab der Spiele machen. Aus den ersten Auswärtsfahrten werden bald regelmäßige Besuche im Fanprojekt, aus losen Bekanntschaften werden Freundschaften.

Mittwochs geht Tim inzwischen selbstverständlich zum Stammtisch des Fanprojekts. Dort wird gemeinsam gekocht, gegessen, geredet. Die Küche ist oft der Ort, an dem die besten Gespräche entstehen. Gerade in einer Zeit, in der für Tim nicht alles leicht ist, wird das Fanprojekt zu einem wichtigen Anker. Sein Verein ist abgestiegen, sein bester Freund zieht aus Wolfsburg weg und auch in der Schule läuft es zuletzt nicht so, wie er es sich gewünscht hätte. Im Fanprojekt trifft er auf Menschen, die zuhören, nachfragen und ihn ernst nehmen – auf andere Jugendliche genauso wie auf pädagogische Fachkräfte, die nicht nur Fußball im Blick haben, sondern den jungen Menschen als Ganzes. Für Tim wird das Fanprojekt so Schritt für Schritt zu mehr als einem Treffpunkt rund um den Fußball: zu einem Ort der Gemeinschaft, der Verlässlichkeit und des Vertrauens.

Ein Ort für eigene Ideen

In der Sommerpause fehlt Tim plötzlich etwas. Die Wochenenden ohne Spiele fühlen sich ungewohnt leer an. Beim Stammtisch erzählt ihm ein anderer Jugendlicher vom Jugendhaus OST, das – genau wie das Fanprojekt – zur Jugendförderung Wolfsburg gehört. Dort, so hört Tim, habe im vergangenen Jahr ein Fußballturnier stattgefunden, und überhaupt sei das OST ein Ort, an dem Jugendliche eigene Ideen einbringen und Projekte entwickeln könnten. Die Vorstellung lässt ihn nicht los. Schon länger hat Tim das Gefühl, dass viele Jugendliche in Wolfsburg gerne Fußball spielen würden, aber nicht in einem Verein aktiv sind oder keinen festen Ort dafür haben. Warum also nicht selbst etwas auf die Beine stellen?

Als Tim das OST zum ersten Mal betritt, merkt er schnell, dass hier vieles anders läuft, als er es aus anderen Einrichtungen kennt. Die Atmosphäre ist offen, lebendig und zugleich verbindlich. Jugendliche sitzen zusammen, diskutieren Ideen, planen Veranstaltungen und entscheiden gemeinsam darüber, was im Haus passieren soll. Im Aktionsrat werden die Belange der Einrichtung besprochen, Projekte vorgestellt und Entscheidungen getroffen – begleitet von einem Pädagogen, aber getragen von den jungen Menschen selbst. Tim ist beeindruckt, wie ernst hier Beteiligung genommen wird. Mit ein wenig Aufregung stellt er seine Idee vor: ein offenes Fußballprojekt für Jugendliche, die Lust auf Kicken haben – unabhängig davon, ob sie im Verein spielen, wie gut sie sind oder woher sie kommen. Kein Leistungsdruck, keine Auswahl, sondern ein niedrigschwelliges Angebot, bei dem Gemeinschaft und Spaß im Vordergrund stehen. Die Reaktionen im OST sind positiv. Schnell finden sich andere Jugendliche, die Lust haben, Tim zu unterstützen. Gemeinsam überlegen sie, wie regelmäßige Treffen aussehen könnten, wo gespielt werden kann und wie sie weitere Jugendliche erreichen.

Begleitet wird Tim dabei von den Fachkräften des Jugendhauses. Sie helfen ihm, seine Idee zu strukturieren, nächste Schritte zu planen und Kontakte zu knüpfen. Über die Netzwerke der Jugendförderung kommen weitere Partner ins Spiel: Trainingsmaterial wird organisiert, Fördermöglichkeiten werden geprüft, Absprachen getroffen. Tim erlebt zum ersten Mal, wie aus einer losen Idee ein echtes Projekt werden kann – nicht, weil Erwachsene alles übernehmen, sondern weil sie junge Menschen fachlich begleiten, ihnen etwas zutrauen und die richtigen Rahmenbedingungen schaffen.

Von der Idee zum gemeinsamen Projekt

Während der Plan für das Fußballprojekt konkreter wird, lernt Tim über andere Jugendliche aus dem OST auch Lina und David kennen. Die beiden sind 14 Jahre alt und verbringen im Moment viel Zeit im Jugendzentrum Forsthaus, einer weiteren selbstverwalteten Jugendeinrichtung der Jugendförderung Wolfsburg. Auch dort gestalten Jugendliche ihre Einrichtung aktiv mit – im Aktionsrat, bei Veranstaltungen, in Projekten und in der täglichen Trefföffnung. Lina erzählt begeistert von ihrer Idee für ein Kreativprojekt, das sie mit Unterstützung der Einrichtung auf den Weg bringen will. David wiederum ist fasziniert von den Proberäumen, den Bands, den Konzerten und gleichzeitig genauso fußballbegeistert wie Tim.

Für Tim ist die Begegnung mit Lina und David ein weiterer Moment, in dem deutlich wird, wie vielfältig Jugendförderung in Wolfsburg gedacht ist. Es geht nicht nur um Fußball oder Musik, nicht nur um offene Treffpunkte oder einzelne Aktionen. Es geht um Räume, in denen junge Menschen ihre Interessen entdecken, Verantwortung übernehmen und sich mit anderen vernetzen können. David bringt schließlich einige Jugendliche aus dem Forsthaus mit zum ersten Schnuppertraining von Tims Fußballprojekt. Einige kennen sich bereits, andere kommen allein und suchen Anschluss. Manche spielen regelmäßig, andere zum ersten Mal seit langer Zeit wieder. Doch genau das ist die Idee: ein offenes Angebot, bei dem alle willkommen sind.

Wenige Wochen später ist aus dem ersten Gedanken ein funktionierendes Projekt geworden. Auf dem Platz wird gespielt, gelacht, diskutiert. Neue Kontakte entstehen, Gruppen mischen sich, Jugendliche aus verschiedenen Stadtteilen und Einrichtungen kommen zusammen. Tim organisiert mit, übernimmt Verantwortung, spricht Absprachen mit anderen ab und erlebt, dass sein Engagement Wirkung zeigt. Aus dem Jungen, der ursprünglich einfach nur zu einem Stadtteilkick gekommen war, ist jemand geworden, der selbst Angebote mitgestaltet und anderen einen Ort schafft, an dem Jugendliche sich begegnen können.

Lebenswelt von Jugendlichen erreichen

Tims Geschichte steht beispielhaft für das, was Jugendförderung in Wolfsburg ausmacht. Junge Menschen werden in ihrer Lebenswelt erreicht – auf dem Bolzplatz, im Stadtteil, in Jugendhäusern oder rund um ihre Leidenschaft für Fußball und Musik. Sie finden offene Türen, verlässliche Beziehungen und Fachkräfte, die sie ernst nehmen, ermutigen und begleiten. Aus ersten Begegnungen werden Beteiligung und Gemeinschaft, aus Interessen werden Ideen, aus Ideen werden Projekte. Die unterschiedlichen Angebote der Jugendförderung greifen dabei ineinander: mobile offene Arbeit, Fanprojekt und selbstverwaltete Jugendhäuser bilden gemeinsam ein Netzwerk, das jungen Menschen Wege eröffnet und Entwicklung möglich macht.

So beginnt Jugendförderung manchmal mit einem Offenen Bewegungsangebot auf einem Bolzplatz – und führt zu weit mehr: zu Freundschaften, zu Verantwortung, zu Selbstvertrauen und zu dem Gefühl, in der eigenen Stadt einen Platz zu haben. Genau darin liegt ihre besondere Stärke.

Weitere Informationen zu Angeboten, Projekten und Veranstaltungen der Jugendförderung Wolfsburg gibt es in den nächsten zwei Teilen unserer Reihe und unter www.jugendraumgeben.de.

Foto: Stadt Wolfsburg/Jugendförderung