Donnerstag, August 6Nachrichten rund um Wolfsburg
Shadow

Über Generationen gewachsen: die Wolfsburger Abenteuerspielplätze

Ein Blick in die Wolfsburger Kinder- und Jugendarbeit, Teil 4 von 4 

An einem warmen Nachmittag öffnet sich das schwere Metalltor des Aktivspielplatzes. Ein Großvater betritt gemeinsam mit seiner Enkelin das Gelände. Kaum angekommen, löst sie ihre Hand und läuft los – hinein in eine Welt aus Holzbuden, Werkstätten, Gärten, Tieren, Feuerstellen und Kindern, die mit Werkzeug, Erde und Fantasie beschäftigt sind. Der Großvater bleibt einen Moment stehen und lächelt. Dieser Ort ist ihm vertraut. Vor fast fünfzig Jahren spielte er selbst hier. Und noch früher gehörte sein Vater – heute der Urgroßvater des Mädchens – zu den Menschen, die diese Orte in Wolfsburg mit aufgebaut haben.

Damals war Wolfsburg eine junge, wachsende Stadt. Neue Wohngebiete entstanden, Familien zogen zu, Straßen und Infrastruktur wurden ausgebaut. Doch viele Eltern stellten sich eine andere Frage: Wo finden Kinder Freiräume, die sie selbst gestalten dürfen? Wo können sie ausprobieren, entdecken und eigene Erfahrungen sammeln? Der Urgroßvater gehörte zu denen, die nicht nur darüber sprachen, sondern handelten. Gemeinsam mit anderen engagierten Eltern entstand eine Initiative, aus der später einer der ersten Wolfsburger Abenteuerspielplätze hervorging. In Wohnzimmern und Gemeinderäumen wurde geplant, Material organisiert und mit der Stadt verhandelt. Mit viel Eigenleistung entstand Schritt für Schritt ein Ort, der den Kindern gehören sollte.

Die Abenteuerspielplätze wurden zunächst als eingetragene Vereine getragen und lebten vom Engagement der Eltern sowie vieler Ehrenamtlicher. Im Zuge der weiteren Entwicklung wurden zusätzlich feste Mitarbeitende über die Stadt Wolfsburg eingestellt und sind bis heute fester Bestandteil der Jugendförderung. Auch heute noch unterstützen die Fördervereine tatkräftig die Arbeit der Spielplätze, zum Beispiel bei Festen.

Mit den Jahren zeigte sich immer deutlicher, welche pädagogische und soziale Bedeutung diese Orte für Kinder, Familien und die Stadtteile entwickelten. Dadurch entstanden verlässliche Strukturen und eine kontinuierliche pädagogische Begleitung – ohne den ursprünglichen Gedanken aufzugeben: Kindern Freiräume zu ermöglichen, in denen sie selbst gestalten, entdecken und Verantwortung übernehmen können. In den letzten Jahren entstanden zudem Kooperationen mit Ganztagsangeboten der Grundschulen, mit Schulen, Vereinen und weiteren Institutionen, wodurch die Aktivspielplätze stärker in die Bildungs- und Stadtteilstrukturen eingebunden wurden.

Kreatives Spielen fördert die Entwicklung

Die Grundidee war einfach und zugleich ungewöhnlich: Kinder brauchen Räume, in denen nicht alles vorgegeben ist. Diese Haltung knüpft an ein Konzept an, das bereits in den 1930er Jahren entstand. Der dänische Landschaftsarchitekt Carl Theodor Sørensen beobachtete, dass Kinder auf Baustellen oft kreativer spielten als auf klassischen Spielplätzen. Daraus entwickelte sich die Idee der Abenteuer- und Aktivspielplätze: Orte, an denen Kinder mit Naturmaterialien arbeiten, Verantwortung übernehmen und ihre Umgebung aktiv gestalten.

Dabei geht es nicht nur ums Spiel oder kreatives Arbeiten, sondern auch um zentrale Aspekte kindlicher Entwicklung. Selbstbestimmte, offene Erfahrungsräume gelten heute als wichtige Schutzfaktoren für die psychische Gesundheit von Kindern. Sie fördern Selbstwirksamkeit, also das Erleben, eigene Situationen beeinflussen zu können, und stärken die Fähigkeit zur Emotions- und Stressregulation. Durch das freie Aushandeln von Regeln, das Lösen von Konflikten und das eigenständige Gestalten sozialer Situationen entwickeln Kinder zudem Resilienz und soziale Sicherheit.

Neben dem handwerklichen Arbeiten entwickelten sich auf den Abenteuerspielplätzen weitere Schwerpunkte. In Gärten wurden Gemüse und Kräuter angebaut. Kinder erlebten unmittelbar, wie aus einem Samenkorn eine Pflanze entsteht und wie viel Zeit und Pflege dafür notwendig sind. Beim gemeinsamen Kochen wurde sichtbar, wie eng Natur, Arbeit und Alltag zusammenhängen. Feuerstellen gehören auf vielen Abenteuerspielplätzen selbstverständlich dazu. Beim Feuermachen, Kochen und gemeinsamen Verweilen lernen Kinder nicht nur praktische Fähigkeiten, sondern auch, Risiken einzuschätzen, Regeln auszuhandeln und Verantwortung für sich und andere zu übernehmen.

Begegnung mit der Natur

Besonders prägend blieb dabei die unmittelbare Begegnung mit der Natur. Erde zwischen den Händen, Feuergeruch in der Luft oder selbst gebaute Wasserläufe schaffen Erfahrungen, die sich nicht ersetzen lassen. Kinder beobachten, experimentieren und entdecken Zusammenhänge eigenständig. Einen besonderen Schwerpunkt setzt dabei der Aktivspielplatz Fallersleben mit seinem Bereich Natur und Tierhaltung. Wer Tiere versorgt, Ställe pflegt oder Verantwortung für tägliche Abläufe übernimmt, erlebt unmittelbar, welche Wirkung das eigene Handeln hat.

Auch der Abenteuerspielplatz Vorsfelde steht seit vielen Jahren für genau diesen Ansatz: keine fertigen Angebote, sondern Raum zum Mitgestalten. Kinder entwickeln eigene Ideen, setzen Projekte um und prägen den Platz aktiv mit. Beim Bauen, am Feuer oder im gemeinsamen Alltag entstehen Erfahrungen, die über das Spielen hinausgehen: Verantwortung übernehmen, Entscheidungen treffen und erleben, dass eigene Ideen Wirklichkeit werden können. So entsteht ein Ort, der sich stetig weiterentwickelt und seinen Charakter bewahrt.

Die Wirkung reicht oft weit über die Kindheit hinaus. Viele ehemalige Besucherkinder erinnern sich noch Jahrzehnte später an selbst gebaute Hütten, gemeinsame Projekte oder Freundschaften, die dort entstanden sind. Manche kommen später als Eltern zurück, andere engagieren sich ehrenamtlich oder unterstützen die Arbeit der Plätze. Die Abenteuerspielplätze sind deshalb nicht nur Spielorte. Sie sind außerschulische Lernorte, Treffpunkte im Stadtteil und Orte gesellschaftlicher Teilhabe.

Genau das erlebt heute die Enkelin des Großvaters. Während sie mit anderen Kindern über das Gelände zieht, entstehen neue Erfahrungen, neue Ideen und vielleicht Erinnerungen, die sie ihr Leben begleiten werden. Vielleicht wird sie eines Tages selbst mit ihren Kindern durch dieses Tor gehen und erzählen, wie sie hier ihre erste Hütte gebaut hat. Dann setzt sich die Geschichte fort. Denn die Wolfsburger Aktivspielplätze sind seit fünf Jahrzehnten weit mehr als Orte zum Spielen. Sie schaffen Freiräume, ermöglichen Begegnung und geben Kindern die Chance, ihre Welt aktiv zu entdecken und mitzugestalten. Diese Elternvereine bestehen bis heute fort und freuen sich weiterhin über neuen Zuwachs, sodass auch kommende Generationen aktiv mitwirken und heranwachsen. Und genau darin liegt ihre besondere Stärke.

Weitere Informationen zu Angeboten, Projekten und Veranstaltungen der Jugendförderung Wolfsburg gibt es unter www.jugendraumgeben.de.

Foto: Stadt Wolfsburg/Jugendförderung