Während der 1980er Jahre formten filmisch-künstlerische Darstellungen der Verbrechen des "Dritten Rei-ches" die öffentliche Wahrnehmung.

Holocaust – Abwehr und Betroffenheit.
Mit angelesenen Vorurteilen habe ich am Montagabend wie Millionen von Bundesbürger*innenn das Dritte Fernsehprogramm eingeschaltet, heißt es einleitend in einem mit dem Kürzel “gb” gezeichneten Kommentar vom 26. Januar 1979 der Wolfsburger Nachrichten über Marvin J. Chomsky’s epochemachenden Mehrteiler Holocaust. Die Geschichte der Familie Weiss – unserer Archivalie des Monats. Die vierteilige Serie, für die Gerald Green das Drehbuch schrieb, gilt heute als eine entscheidende Wegmarke im öffentlichen Umgang mit dem nationalsozialistischen Unrecht.
 
Während der 1980er Jahre formten filmisch-künstlerische Darstellungen der Verbrechen des “Dritten Rei-ches” die öffentliche Wahrnehmung. Nachdem im Jahr 1984 Eberhard Fechners Der Prozess. Eine Darstellung des Majdanek-Verfahrens in Düsseldorf gezeigt wurde, eine Dokumentation über die Verhandlungen in Düsseldorf gegen die Täter*innen im Konzentrationslager Majdanek, folgte im Jahr darauf Claude Lanzmanns vieldiskutierter zweiteiliger Dokumentarfilm Shoah, der überwiegend aus Interviews mit Überlebenden des Holocaust besteht. Eingeleitet wurde diese Ära der filmischen Aufarbeitung des Massenmordes an den europäischen Juden allerdings mit einer fiktionalen Darstellung des amerikanischen Regisseurs Marvin J. Chomsky aus dem Jahr 1978. Schaudernd verfolgten die Zuschauer*innen  vor den heimischen Fernsehern das Grauen der Vergasungen in Auschwitz und Hadamar, die Massenerschießungen von Babyn Jar sowie die Aufstände der Häftlinge gegen ihre Peiniger*innen in Warschau und Sobibor.
 
Chomsky inszenierte die Filmfiguren als “Augenzeugen”, weshalb ihm seitens der Kritik eine zu emotionali-sierende Darstellung der Opfer, aber auch die Möglichkeit zur Identifikation mit den Täter*innen vor-geworfen wurde. Dennoch gilt Holocaust als generationsübergreifend prägender Meilenstein auf dem Weg der Aufarbeitung und Bewältigung der NS-Verbrechen. In Deutschland feierte die Serie beim WDR im Januar des Jahres 1979 ihre Premiere. Der NS-Terror wurde nun erstmalig durch die Augen der Opfer für die breite Öffent-lichkeit sichtbar gemacht.
 
Die Serie Holocaust sollte zentral werden für den beginnenden Wandel in der Bundesrepublik, sich offen mit der Geschichte der Opfer von Deportation, Verfolgung und Mord auseinanderzusetzen. Lange bestimmte eine Angst vor der Verantwortung, die NS-Gewalt als Realität anzuerkennen, sowie ein “Nichtwissenwollen” das bundesdeutsche Geschichtsbewusstsein. Und diese Angst, so zeigt es der Kommentar in den Wolfsburger Nachrichten, begann nun zugunsten eines “Erinnernwollens” zu schwinden. Auch beim Kommentatoren löste die Sendung ein Umdenken aus. Die eingangs geschilderte und nicht näher erläuterte Abwehrhaltung sei bereits nach dem ersten Teil verschwunden gewesen. Der Film sei wichtig, urteilte er, wichtig insofern, als er auf die Nachkriegsgenerationen aufklärerisch wirken sollte. Im Subtext ist hier Theodor Adornos populäres pädagogisches Postulat “daß Auschwitz nicht sich wiederhole” herauszulesen. Vor diesem Hintergrund scheint der Journalist abschließend einen Gegenwartsbezug herzustellen und beklagt mit Blick auf eben diesen, der Film hätte schon vor der “Machtergreifung” einsetzen sollen, um uns im Heute zu helfen.
 
Text: Dr. Alexander Kraus, Projekt: Wolfsburg auf dem Weg zur Demokratie, Institut für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation (IZS)
 
Bildmaterial: oh/Wolfsburger Nachrichten, 26. Januar 1979
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