Mitte der 1960er Jahre war der Topos von der »Stadt ohne Geschichte« für Wolfsburg weit verbreitet.

Alexander Kraus, Stadt ohne Geschichte? Wolfsburg als Demokratielabor der Wirtschaftswunderzeit. Wallstein Verlag, Göttingen 2021; 512 S., 103 Abbildungen. Das Buch ist im Buchhandel für 29,29 Euro zu erwerben.

Mitte der 1960er Jahre war der Topos von der »Stadt ohne Geschichte« für Wolfsburg weit verbreitet. Ob in Print-, Radio- oder Fernseh-Reportagen, offiziellen Reden oder Bürgerinterviews – überall wurde die Traditionslosigkeit der so jungen Volkswagenstadt herausgestellt.

Diese immer wieder konstatierte scheinbare Geschichts- und Traditionslosigkeit der Kommune, für die auch und insbesondere deren Gründung als nationalsozialistische Musterstadt bereitwillig ausgeblendet wurde, machte das Wolfsburg der Wirtschaftswunderzeit zu einem immer wieder leer radierten Blatt Papier, auf dem, obgleich vielfach mit gängigen Diskursen bundesrepublikanischer Selbstvergewisserung beschrieben, kaum eine Interpretation und Deutung dauerhaft verfing. So wurde aus der »Stadt der Bewegung« und »Stadt der Nazis«, wie Wolfsburg nach der deutschlandweit als skandalös empfundenen DRP-Wahl von 1948 noch bezeichnet wurde, rasch eine »Industrie-stadt im Grünen«, eine »Stadt der Jugend« und des Fortschritts, in der die klassenlose Gesellschaft Realität geworden sei.

  Dass Wolfsburg auf diese Weise Schritt für Schritt zum Soziallabor der »Bundesrepublik« wurde, liegt auch an einer stadtgeschichtlichen Besonderheit, denn tatsächlich nahm Wolfsburg im demokratischen Neuaufbau nach der NS-Diktatur eine Sonderstellung ein: Als einzige Stadt der späteren Bundesrepublik konnte die 1938 gegründete »Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben« auf keinerlei demokratische Strukturen zurückgreifen. Der demokratische Neuanfang war in Wolfsburg ein wortwörtlicher. Das »lange Lernen der Demokratie« musste in jener vielfach als »jung« apostrophierten Stadt fast ohne Vorkenntnisse erfolgen. Aber wie gelang die Transformation von der NS-Musterstadt zu einer funktionierenden demokratischen Kommune?   Daher fragt Alexander Kraus in seinem Buch nach den gesellschaftlichen, sozialen und kulturellen Bedingungen, die diesen Wandel ermöglichten, nach den unter der Oberfläche wirkenden Mechanismen und den vielfältig aufbrechenden Konflikten, die diesen begleiteten. Nicht zuletzt fragt er nach den Akteurinnen und Akteuren und ihren kulturellen Aneignungsprozessen, die für Wolfsburgs Weg in die Demokratie so zentral waren. Dabei steht in der Untersuchung nicht der wohl sichtbarste Indikator für das Funktionieren einer Demokratie – die in regelmäßigen Abständen stattfindenden freien und unabhängigen Wahlen – im Fokus. Vielmehr wird der Demokratie als Lebensform auf kommunaler Ebene nachgespürt, Wolfsburg als Demokratielabor analysiert.

Der Fokus liegt demnach nicht auf den kommunalen Institutionen der Regierungsform und deren Agieren, sondern auf der demokratischen Praxis und damit der nur schwer greifbaren Verinnerlichung der neuen Ordnung.   Anhand von dreizehn stadtgeschichtlichen Untersuchungen werden kommunalpolitische Handlungsmuster gleichermaßen wie unterschiedlichste Formen bürgerlicher Mitverantwortung, gesellschaftlicher Partizipation und gemeinschaftlichen Gestaltungswillens beschrieben, in denen »Traditionen, Konventionen und klassische Rollenzuschreibungen« aufgebrochen und hinterfragt wurden. Dafür werden Ereignisse, städtebauliche Manifestationen, Medienerzeugnisse und das Handeln unterschiedlichster Akteure und Akteurinnen als Ausdruck und Ergebnis demokratischer Lebensformen untersucht. Alle Fallbeispiele eint, dass in ihnen die unterschiedlichsten Versuche der Adaptierung und Internalisierung der Demokratie als Lebensform sichtbar werden, unabhängig davon, zu welchem Grad sie gelangen. Stets geht es dabei um Praktiken der Verinnerlichung der Demokratie.   

Foto: oh/Stadt Wolfsburg

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