In den fünfzig Jahren seiner Existenz förderte der Berliner Club Wolfsburg e.V. das gesellschaftliche Leben in der Stadt nicht unerheblich.

In den fünfzig Jahren seiner Existenz förderte der Berliner Club Wolfsburg e.V. das gesellschaftliche Leben in der Stadt nicht unerheblich und unterstützte zahlreiche soziale Projekte in der damals noch ehemaligen Hauptstadt.

Aus der Taufe gehoben wurde er in der Gründungsversammlung vom 20. März 1950 von etwa 40 gebürtigen Berlinern im Parkhotel Steimker Berg. Der gewählte 1. Vorsitzende des Berliner Clubs, Bergmann, sah dessen Hauptaufgabe in der Geselligkeit und Unterhaltung sowie der Pflege alter Berliner Sitten und Gebräuche. Der Vereinsvorstand schätzte, dass in Wolfsburg und Umgebung seinerzeit etwa 2.000 Berliner Familien lebten, die überwiegend nach der deutschen Teilung in den Westen übergesiedelt seien. Geplant wurde unter anderem die Veranstaltung eines jährlich zu wiederholenden Berliner Pfingstkonzertes, das zum festen Bestandteil des Berliner Clubs Wolfsburg e.V. wurde. In späteren Jahren wechselten sich dabei das VW-Werksorchester und das Orchester der Stadtwerke ab. Diskussionen gab es gleich zu Beginn um die Frage, ob sich der Club der Landsmannschaft der Berliner und Brandenburger anschließen sollte, doch wurde die Entscheidungsfindung auf die kommende Zusammenkunft Anfang April des Jahres verschoben. Damals sprachen sich die Mitglieder gegen einen Anschluss aus, da mit dem Club explizit keine politischen Ziele verfolgt werden sollten. Auch sah man sich nicht als Vertreter der Kriegsgeschädigten. Darüber hinaus beantragte der Verein die Eintragung in das Vereinsregister beim Amtsgericht. Unter dem Motto “Ein bunter Abend in Rixdorf” fand sodann die erste größere Vereinsveranstaltung am 29. April 1950 im Hotel Steimker Berg statt. Gut besucht war auch die Jahreshauptversammlung des Berliner Clubs am 16. Januar 1951 im Vereinszimmer der Wolterschen Gastwirtschaft in Hesslingen, die den Volksschulrektor Walter Schley zum neuen 1. Vorsitzenden wählte. Künftiges Club- und Vereinslokal wurde von da an die Gaststätte Noack am Eingang der Porschestraße. Um die Mitte der 1950er Jahre formulierte der Berliner Club das Ziel, eine stärkere Öffentlichkeitsarbeit als bisher zu betreiben, um weitere ehemalige Berlinerinnen und Berliner an sich zu binden.
 
Der erste größere Veranstaltungsblock fand aus Anlass des zehnjährigen Bestehens im Jahre 1960 mit einer “Berlin-Woche” statt, die mit dem Berliner Regierenden Bürgermeister Willy Brandt auch prominenten Besuch hatte. Als Archivalie des Monats dient ein archivierter Artikel aus der Wolfsburger Allgemeinen Zeitung vom 29. März 1960, der einen Veranstaltungsüberblick bietet. Zum Auftakt der “Berlin-Woche” traten am 2. April 1960 die Schöneberger Sängerknaben auf. Auf der gleichen Veranstaltung referierte auch der Chefredakteur der Berliner Zeitung Telegraf, Arno Scholz, als Abgesandter des Präsidiums im Bund der Berliner und Vertreter des Präsidiums Unteilbares Deutschland. Am Folgetag wurde ein Berliner Meilenstein als Symbol der Verbindung Wolfsburgs mit Berlin enthüllt. Angesichts der rund 130 Akteure, darunter Vortragende, Diskussionsteilnehmer, Abgeordnete, Sportler, Chormitglieder und Kabarettisten, fragte sich die lokale Presse, wie viele Original-Berliner wohl an der Veranstaltungsserie teilnehmen würden. Fest stand jedenfalls, dass das Thema Berlin “in den kommenden Tagen für jeden, der Augen und Ohren für die brennendste Frage der nächsten Zukunft hat, überall zu vernehmen” sein werde. Ein bei den Stadtwerken eingesetzter doppelstöckiger Berliner Bus rollte sodann als “lebendiges Ausrufezeichen” während der “Berlin-Woche” durch die Stadt.
Deren absoluter Höhepunkt war allerdings der Besuch des Berliner Regierenden Bürgermeisters Willy Brandt, der in Wolfsburg von der Bevölkerung äußerst herzlich begrüßt wurde. Die Stadtspitze mit Oberbürgermeister Dr. Uwe-Jens Nissen und Oberstadtdirektor Dr. Wolfgang Hesse empfing ihn aus Richtung Nordsteimke kommend mit einer Wagenkolonne am Rande der Siedlung Steimker Berg. Über die Innenstadtstraßen fuhr Brandt zunächst zum Volkswagenwerk, wo ihn Generaldirektor Heinrich Nordhoff durch die Produktionsanlagen führte, und später zu einer Kundgebung zum Rathausplatz. Oberbürgermeister Dr. Nissen wandte sich dort mit bewegten Worten an Brandt und “legte im Namen aller Wolfsburger ein Treuebekenntnis für Berlin ab” (Wolfsburger Allgemeine Zeitung vom 6. April 1960). Vor rund 7.000 Zuhörern forderte Brandt sodann in einer oft vom Beifall unterbrochenen Rede einen gesamtdeutschen Friedensvertrag und das Recht auf Selbstbestimmung seiner Stadt. Die “Berlin-Woche” klang mit einer Sitzung des Rates der Stadt, an der Mitglieder des Berliner Abgeordnetenhauses teilnahmen, und mit einem Bunten Berliner Abend aus. Der Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses, Wolfram Müllerburg, lobte in einem in den Wolfsburger Nachrichten vom 9. April 1960 geäußerten Fazit die Wolfsburger “Berlin-Woche”: Sie sei “in der früheren Reichshauptstadt mit großer Dankbarkeit begrüßt worden. Die Bevölkerung sehe darin ein Zeichen echter Verbundenheit mit den Bewohnern der Bundesrepublik.”
 
Die “Berlin-Woche” sollte später anlässlich ‚runder‘ Jubiläen des Berliner Clubs eine Wiederholung finden, so dass sich neben Willy Brandt auch weitere Regierende Bürgermeister Berlins wie Klaus Schütz oder Dietrich Stobbe in der Volkswagenstadt in das Goldene Buch der Stadt eintrugen. Auch sammelten die Mitglieder des Clubs während verschiedenster Veranstaltungen Geld zur Unterstützung des Hilfswerkes Berlin. Er war Motor vieler Wolfsburger Hilfs- und Unterstützungsaktionen für vorwiegend hilfsbedürftige Berliner Kinder und Senioren.
Im Jahr 2000 sah der Clubvorstand seine selbstgestellten Aufgaben nach der damals auch schon zehn Jahre zurückliegenden vollendeten Deutschen Einheit weitgehend als erfüllt an. Die Berliner lebten nicht mehr auf einer “Insel”, sondern als Bewohner der Bundeshauptstadt in der Mitte des Landes. Nach der daraufhin beschlossenen Auflösung des Berliner Clubs Wolfsburg e.V. empfing Oberbürgermeisterin Ingrid Eckel am 22. August 2000 mit dem ersten Vorsitzenden Klaus Heyer an der Spitze den Vereinsvorstand und sprach ihm ihren Dank für die vielfältigen Aktivitäten des Clubs aus. In seiner Erwiderung betonte Heyer: “Wir waren der Brückenkopf nach Berlin”.
 
Text: Werner Strauß, Ansprechpartner: Dr. Alexander Kraus, Projekt: Wolfsburg auf dem Weg zur Demokratie.
Bildnachweis: oh/StadtA WOB, HA 2781, Ankündigung der Berlin-Woche in der Wolfsburger Allgemeinen Zeitung vom 29. März 1960.
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