Über viele Jahrzehnte wurde die Stadt Wolfsburg – und wird es noch heute – ihrem Ruf als "Stadt des Sports" gerecht.

Autokorso mit der Olympiasiegerin im 800-Meter-Lauf, Hildegard Falck und dem Silbermedaillen-Gewinner im Judo, Klaus Glahn im Wagen dahinter nach der Rückkehr von den Olympischen Sommerspielen in München durch die Wolfsburger Innenstadt, 16. September 1972.

Über viele Jahrzehnte wurde die Stadt Wolfsburg – und wird es noch heute – ihrem Ruf als “Stadt des Sports” gerecht. Reihenweise Spitzensportler feierten auf nationaler wie internationaler Ebene Erfolge.

Auch im Breitensport gab und gibt es bis heute durch die zahlreichen Sportvereine ein differenziertes Angebot an Sportarten für alle Altersgruppen. Statistisch gesehen ist jeder dritte Wolfsburger Mitglied eines Sportvereins. Neben den Großvereinen VfL Wolfsburg, TV Jahn, MTV Vorsfelde und VfB Fallersleben existiert eine Großzahl an Vereinen in der Kernstadt und den Ortsteilen. Die Förderung des Spitzensports war jedoch immer ein besonderes Engagement des VfL Wolfsburg. Dies zeigt sich nicht zuletzt an den Erfolgen Wolfsburger Sportler und Sportlerinnen bei den Olympischen Spielen. So konnte Manfred Steinbach auf der Olympiade 1960 in Rom im Weitsprung den respektablen vierten Platz erreichen. Der Zehnkämpfer Horst Beyer belegte während der Olympischen Spiele in Tokio 1964 den sechsten Platz. Eine erste Medaille – in Bronze – errang der Judoka Klaus Glahn im gleichen Jahr in der “offenen Klasse”. In der für Flachlandbewohner eher untypischen Sportart “Rennrodeln” gewann Angelika Dünhaupt bei den Olympischen Winterspielen 1968 in Grenoble ebenfalls die Bronzemedaille. Weit übertroffen wurden diese Ergebnisse jedoch von den Wolfsburger Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Olympischen Sommerspiele 1972 in München.
Die Wolfsburger Farben vertraten die Leichtathleten Hildegard Falck (Mittelstrecken-Läuferin), Horst Beyer (Zehnkämpfer), Heinz Mayr (Geher), der Judoka Klaus Glahn und der Schwimmer Hans-Joachim Geisler. Den VfL-Athleten wurden durchaus Medaillenchancen eingeräumt. Glahn, Beyer und Falck gehörten in ihren Disziplinen zum Kreis der Favoriten. Das Quintett wurde, nachdem der Verwaltungsausschuss am 25. Juli 1972 beschlossen hatte, die Sportler wie bei früheren Olympischen Spielen offiziell zu verabschieden und ein kleines Taschengeld auszuhändigen, durch den Rat der Stadt und die Vereinsführung am 8. August 1972 im VfL-Vereinsheim verabschiedet. Für den Rat der Stadt nahmen Bürgermeister Willi Wember, Sportausschussvorsitzender Paul Metzner und für die Stadtverwaltung Stadtdirektor Hans Schwering an dieser Veranstaltung teil. “Wember sprach den Athleten die besten Wünsche des Rates aus und kündigte ihnen schon einen begeisterten Empfang bei ihrer Rückkehr aus München an”, wie es am 10. August 1972 in der Wolfsburger Allgemeinen Zeitung hieß. VfL-Vorsitzender Hans Pudenz hob besonders Glahns und Beyers Beitrag zum Aufbau eines Wolfsburger Leistungszentrums hervor. Dies hätte wesentlich dazu beigetragen, dass fünf Sportler aus der Volkswagenstadt sich für München qualifiziert hatten. Das sportliche Großereignis wurde jedoch durch ein Attentat palästinensischer Terroristen am 5. September 1972 auf israelische Sportler im Olympischen Dorf überschattet, das in einer Tragödie mit vielen Opfern endete. Kurzzeitig wurde die Olympiade unterbrochen, dann allerdings entschied IOC-Präsident Avery Brundage gemeinsam mit dem Olympischen Gremium die Spiele fortzusetzen. Diese hatten allerdings angesichts der Ereignisse ihre Leichtigkeit und ihren Esprit verloren.
Doch zurück zum Sportlichen: Überstrahlt wurden alle Ergebnisse Wolfsburger Sportler bei den Olympischen Spielen in München durch den Gewinn der Goldmedaille im 800-Meter-Lauf von Hildegard Falck mit dem äußerst knappen Vorsprung von 0,1 Sekunden auf die Zweitplatzierte Niele Sabaite aus der Sowjetunion. Mit ihrer Zeit von 1:58,6 stellte Falck, die sich fortan Olympionikin nennen durfte, auch einen neuen olympischen Rekord auf. Bereits im Vorjahr hatte sie bei den Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften in Stuttgart als erste Frau auf der 800-Meter-Strecke unter 2 Minuten eine neue Bestzeit aufgestellt. Außerdem errang sie mit der bundesdeutschen 4 × 400-Meter-Staffel die Bronzemedaille. Judoka Klaus Glahn wiederum erreichte in München das Finale der Schwergewichtsklasse. In einem packenden Kampf unterlag er schließ-lich dem Niederländer Willem Ruska und gewann damit die Silbermedaille. In der “offenen Klasse” erzielte er zudem den beachtlichen fünften Platz. In ihren Disziplinen erreichten auch Hans Mayr und der erst 17-jährige Hans-Joachim Geisler vordere Plätze in der Weltelite. Aufgrund einer Verletzung konnte Zehnkämpfer Horst Beyer keine Platzierung erzielen.
Nach der Rückkehr in ihre Heimatstadt wurde den erfolgreichen Athleten ein begeisterter Empfang bereitet. Die Wolfsburger Nachrichten titelten in ihrer Ausgabe vom 16. September 1972: “Olympiateilnehmer im Triumphzug ins Rathaus geholt”. Mit einem Autokorso, voran im ersten Fahrzeug Hildegard Falck, im zweiten Wagen Klaus Glahn, danach die anderen Olympiateilnehmer, fuhren die Sportler durch die Innenstadt zum Rathaus. Dort säumten tausende von Zuschauerinnen und Zuschauern die Straßen und bevölkerten den Rathausplatz. Als Archivalie des Monats dient ein Foto des Fotografen Fritz Rust, das Falck Autogramme-schreibend im Fahrzeug inmitten einer Zuschauermenge zeigt. Sie trug dabei ein gelbes Kostüm aus ihrer Olympia-Ausstattung. Verständlicherweise musste sie immer wieder die von ihr gewonnene Goldmedaille zeigen. Auf der Freitreppe des Rathauses hatten sich dann fast alle Ratsmitglieder eingefunden, zudem VW-Vorstandsmitglied Horst Backsmann, die Dezernenten der Stadtverwaltung mit Oberstadtdirektor Günter Balk an der Spitze und die Vereinsführung des VfL Wolfsburg. Die Begrüßungsrede von Oberbürgermeister Dr. Volkmar Köhler wurde immer wieder durch den frenetischen Jubel der versammelten Menschenmenge unterbrochen.
Dr. Köhler berichtete, der Rat der Stadt habe in einer Sondersitzung kurz vor der Ehrung beschlossen, den erfolgreichen Olympiateilnehmern Stadtplaketten zu verleihen. Die Goldene Stadtplakette erhielten Hildegard Falck und Klaus Glahn, die Silberne Stadtplakette bekam Horst Beyer; Hans Mayr und Hans-Joachim Geisler wurden mit der Bronzenen Stadtplakette ausgezeichnet. In seiner Laudatio hob der Oberbürgermeister hervor, dass die Olympiateilnehmer der Jugend als Vorbild Impulse gegeben hätten. Ihr Erfolg sei ein Lohn für alle, die den Sport lieben und ihn fördern. Als Sprecher der Geehrten betonte Klaus Glahn, “wir werden alles tun, um auch in der Zukunft erfolgreich zu sein”. Auf Kosten der Stadt erhielten die Sportler sodann Reisegutscheine für mehrere Wochen Urlaub an einem Ort ihrer Wahl. Auch die französische Partnerstadt Marignane lud Falck und Glahn zu einem Besuch ein. Alle fünf Geehrten trugen sich in das Goldene Buch der Stadt ein. Zum Abschluss der Veranstaltung lud die Stadt zu einem Bankett im Gartensaal von Schloss Wolfsburg. Bei einer späteren vereinsinternen Ehrung erhielten Hildegard Falck, Klaus Glahn und Horst Beyer die Ehrenmitgliedschaft des VfL Wolfsburg.
Auch bei folgenden Olympischen Spielen erreichten Wolfsburger Sportler herausragende Erfolge. So gewann zum Beispiel der Fechter Erk Sens-Gorius 1976 in Montreal die Goldmedaille, genauso wie der Judoka Frank Wienecke 1984 in Los Angeles.
 
Text:oh/Werner Strauß
Foto: oh/Fritz Rust/Fotosammlung IZS
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