Am 27. Januar 1945 befreiten Truppen der Roten Armee das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau.

Am 27. Januar 1945 befreiten Truppen der Roten Armee das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, über das der Lagerleiter Rudolf Höss nach dem Krieg in polnischer Haft, kurz vor seiner Hinrichtung nicht ohne Stolz schreiben sollte, es sei „die größte Menschen-Vernichtungs-Anlage aller Zeiten“ gewesen.

Es dauerte mehr als vierzig Jahre, bis die Bundesrepublik Anfang des Jahres 1996 unter Bundespräsident Roman Herzog den Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus einführte, der seit 1996 an eben jenem 27. Januar begangen wird; fast zehn Jahre später, im Januar 2005, erklärten die Vereinten Nationen diesen Tag gar zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust. Herzog hob seinerzeit in seiner Proklamation hervor, das Konzentrationslager Auschwitz stehe symbolhaft für den „Terror“ des „nationalsozialistischen Rassenwahns und Völkermordes, daher forderte er von den Bundesbürgerinnen und -bürgern ein: „Die Erinnerung darf nicht enden; sie muß auch künftige Generationen zur Wachsamkeit mahnen. Es ist deshalb wichtig, nun eine Form des Erinnerns zu finden, die in die Zukunft wirkt. Sie soll Trauer über Leid und Verlust ausdrücken, dem Gedenken an die Opfer gewidmet sein und jeder Gefahr der Wiederholung entgegenwirken.“
Über eine besondere Form des Erinnerns, ja eine aktive Auseinandersetzung mit jenem symbolhaften Ort des Grauens, berichtete in der ersten Ausgabe des Jahres 1968 – demnach knapp dreißig Jahre zuvor – die in Warschau erscheinende Monatsschrift Polen, die Archivalie des Monats Januar des Instituts für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation (IZS). Unter der gleichwohl nicht minder symbolischen Überschrift „Hoffnung“ eröffnete der
polnische Journalist Jerzy Piórkowski seinen Artikel wie folgt: „Am 16. September 1967 traf im ehemaligen Lager Auschwitz die erste Gruppe Jugendlicher aus der Bundesrepublik Deutschland und aus Westberlin ein, die in der sog. ‚Aktion Sühnezeichen‘ organisiert sind. Die Gruppe leitete ein in Polen wohlbekannter und allgemein geschätzter Mann: Pastor Rudolf Dohrmann aus Wolfsburg, der Hauptstadt des größten Industriekonzerns der Bundesrepublik, der Volkswagenwerke.“
Jener Pastor Dohrmann, der 1960 in der Stadt am Mittellandkanal bereits die Industriediakonie Arche mit aus der Taufe gehoben hatte, zählt deutschlandweit zu den zentralen Akteuren, die das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz als Ziel für jugendpolitische Bildungsfahrten auf die Agenda setzten und diese auch selbst organisierten. Er hatte schon Jahre bevor Kanzler Willy Brandt sich Ende der 1960er Jahre für eine neue Ostpolitik einsetzte und selbst „vor Beginn der systematischen Zusammenarbeit der Aktion Sühnezeichen mit der Gedenkstätte“, wie er in einer selbstverfassten Dokumentation über die Arbeit der Industriediakonie betonte, mit der Jugendarbeit auf dem Areal des ehemaligen Konzentrationslagers begonnen. Im September 1967 war er mit einer Gruppe junger Deutscher im Alter zwischen 16 und 26 Jahren als Abgesandte jenes für die kritische Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit so zentralen christlichen deutschen Vereins aus Wolfsburg gestartet: „fünfzehn junge Arbeiter und Studenten und ein Mädchen, Studentin“, wie es in dem Artikel heißt. Zwar kamen nicht alle von ihnen aus Wolfsburg, doch mit dem Schüler Jens Michael Berger und den jungen Arbeitern Heinz Kindt, Klaus Nestmann, Adolf Falke und Olde Dibbern kam ein großer Teil „dieser neuzeitlichen Apostel“, wie Piórkowski schreibt, aus der Volkswagenstadt. Letztgenanntem ist es auch zu verdanken, dass das Stadtarchiv Wolfsburg über eine Kopie des Artikels verfügt.
Getreu der Zielsetzung der 1958 durch Lothar Kreyssig ins Leben gerufenen Organisation Aktion Sühnezeichen waren die jungen Erwachsenen neun Jahre später vor Ort, um gemeinsam körperlich zu arbeiten und dabei ein Zeichen konkreter Sühne zu setzen. Kreyssig konstatierte seinerzeit ein Zuwenig an „Versöhnung“ und trat entschieden für ein „wirkliches“ Vergeben ein – mit dem Ziel, seinerseits Vergebung zu erbeten. Dafür galt es, „diese Gesinnung“ auch zu „praktizieren“: „Des zum Zeichen bitten wir die Völker, die Gewalt von uns erlitten haben, daß sie uns erlauben, mit unseren Händen und mit unseren Mitteln in ihrem Land etwas Gutes zu tun […]“, hatte er damals auf der Synode der Evangelischen Kirche Deutschlands formuliert. Gemeinsam mit den anderen der Wolfsburger Reisegruppe tat Olde Dibbern genau das: Sie taten mit ihren Händen Gutes, befreiten die zugewucherten Ruinen des Krematoriums II von Gestrüpp und Schlamm und legten damit zugleich die Fundamente der Verbrechen frei und brachten so – im übertragenen Sinne – Licht in das Vergessen.
Der Journalist Piórkowski beschreibt ihr Wirken eindrücklich: „Sie attackieren die Erdmassen und Trümmer, als würden diese ein unbekanntes Geheimnis bergen, als wären sie die rettende Chance für alle zusammen und jeden einzelnen. Manche finden kleine Gegenstände, bei deren Anblick sie erbleichen: verrostete Brillenfassungen, einen Rasierapparat und Knochen, klein und weiß, wie aus lang verflossenen Epochen.“
Die großformatigen Fotografien des polnischen Fotografen Tadeusz Rolke, die den Artikel rahmen, zeigen die jungen Erwachsenen und Pastor Dohrmann bei eben dieser Arbeit: Wie sie konzentriert mit dem Spaten und ihren bloßen Händen Unkraut, Gestrüpp und Steine entfernen, die Fundamente des einstigen Krematoriums freilegen. Ihre Gesichter sind angespannt, ihre Blicke wirken nach innen gekehrt. Es hat den Anschein, als würden sie den Fotografen gar nicht bemerken. Piórkowski hatte die Wolfsburger Gruppe darum gebeten, ihre Arbeit in Auschwitz zu reflektieren und in Worte zu fassen. Fast alle kamen seiner Bitte nach. „Durch meine Arbeit im KZ Auschwitz will ich dokumentieren“, eröffnete beispielsweise der damals 16-jährige Schüler Jens Michael Berger seine Antwort, „daß ich die Schuldenlast, die uns die neuere deutsche Geschichte auferlegt, auf mich nehme und daß ich versuche, ihr durch Engagement zu begegnen.“ Olde Dibbern wiederum brachte sein Erschüttern zum Ausdruck und betonte, „[f]ür mich verstärkt sich die Verpflichtung, an einem besseren Deutschland zu arbeiten. An einem Deutschland, in dem die Ursache des Faschismus beseitigt wird.“
Es waren Aussagen wie die beiden hier exemplarisch aufgeführten, die Jerzy Piórkowski die titelgebende „Hoffnung“ gaben und mithalfen, Vertrauen neu zu gewinnen. Wie bedeutsam dafür die physische Auseinandersetzung mit dem Ort des systematischen Tötens war, zeigt die griffige Antwort, die der Journalist auf die selbstformulierte Frage, was die jungen Deutschen denn nach Auschwitz getrieben habe, zu geben wusste. Sie seien hier, um etwas zu erfahren, was weder Fotografie, Buch noch Film vermitteln könnten: „Nichts ersetzt den Augenblick, wenn durch die eigenen Finger die Erde von Auschwitz rieselt.“
Text: Dr. Alexander Kraus. Projekt: Wolfsburg auf dem Weg zur Demokratie /Institut für Zeitgeschichte und Stadtpräsentation (IZS)
Bildnachweis:

Quelle: Monatsschrift Polen, Nr. 161 (1968, H. 1), S. 14f.

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