Aus ihrem neuen Buch, liest Ines Geipel am Donnerstag, 16. Januar, um 19 Uhr im Hoffmann-von-Fallersleben-Museum im M2K.

Ines Geipel.

Aus ihrem neuen Buch „Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass“ liest Ines Geipel am Donnerstag, 16. Januar, um 19 Uhr im Hoffmann-von-Fallersleben-Museum im M2K.

Die ehemalige DDR-Spitzensportlerin und frühere Vorsitzende des Dopingopfer-Hilfevereins setzt sich als Autorin kritisch mit der DDR und dem Umgang mit deren Erbe in Ost und West auseinander. Ines Geipel, Kind überzeugter Kommunisten, überwand im Sommer 1989 den Eisernen Vorhang und floh über Ungarn in den Westen. In „Umkämpfte Zone“ verknüpft sie ihre besondere und für sie doch „symptomatische“ Familiengeschichte mit der Geschichte der DDR und zieht den Bogen bis in die Gegenwart: In der Nachwendezeit wurde gerade die Verdrängung der nationalsozialistischen Schuldfrage durch Partei und Familien in der DDR selten tiefgründig aufgearbeitet. In der Folge finden rechte und rechtsextreme Parolen in den ostdeutschen Bundesländern aktuell mehr Akzeptanz.
Die Veranstaltung findet statt im Rahmen des Begleitprogramms zur Ausstellung „CONFRONTIER. Mauern 1989 – 2019. Fotografien von Kai Wiedenhöfer“, die an diesem Abend ebenso besucht werden kann. Der Eintritt ist frei.
Ines Geipel, 1960 in Dresden geboren, erlebte in ihrem kommunistischen Elternhaus, wie über die SS-Vergangenheit der Großväter Schweigen herrschte. Der Vater, ein Pionierpalast-Leiter, war zu Hause gegen die eigenen Kinder gewalttätig. Die Autorin sieht zwischen der Täterschaft des Vaters und seiner – und ihr bis 2004 unbekannten – Stasitätigkeit einen Zusammenhang. Zwischen den Geschwistern bestand eine innige Beziehung. Anders als Ines Geipel erinnerte sich der Bruder als Erwachsener allerdings weniger der erlebten Traumata. Sie dagegen trug sich schon als junge Frau mit Fluchtgedanken. Doch von den Plänen der damaligen DDR-Staffel-Läuferin über 4×100 Meter erfuhr auch die Stasi. Die sportliche Karriere der Athletin war endgültig vorbei, nachdem ihr bei einer Blinddarm-Operation die Bauchmuskeln zerschnitten wurden. Auch als Germanistik-Studentin in Jena eckte Ines Geipel politisch an. Die Flucht in den Westen und der 9. November 1989 bedeuteten für sie ein großes Glückserlebnis. Seither engagiert sie sich unter anderem schreibend gegen das „Vergessen“ von systematischem Staatsdoping, der Diktatur- und Gewaltrealität sowie der Angsterfahrungen der DDR-Bürger und gegen Versuche zur Umdeutung der DDR-Geschichte.
In „Generation Mauer“ fragte sie nach dem Lebensgefühl ihrer Generation, der um den Mauerbau geborenen Ostdeutschen, für die der Mauerfall eine zweite Chance bedeuten konnte. Mit der Vergangenheit des SED-Staates geht diese Generation ganz unterschiedlich um: Während die einen eine wirkliche Aufarbeitung des Unrechts, der Widersprüche und Verbrechen wollen, vergessen und verdrängen die anderen diese historische Realität. Schon die DDR-Gründerväter erhoben das „Vergessen“ zum Ziel des Staats-Sozialismus, um die in den Nationalsozialismus verstrickten Menschen in das neue Deutschland zu integrieren. Nur so konnte der von der kommunistischen Führung konstruierte Mythos von der antifaschistischen und daher besseren Gesellschaft durchgesetzt werden. Jegliches Hinterfragen der vorgegebenen „Wahrheit“ wurde mit staatlichem Druck begegnet. Auf diese Gewalt aus Schweigen, psychischer und physischer Machtausübung reagierten die Menschen mit Angst, desillusioniert und in innerer Emigration. Zugleich trug die Geschichtslüge laut Ines Geipel bei zur Bewahrung des „inneren Hitlers“, der sich heute immer stärker Bahn bricht, beispielsweise in fremdenfeindlichen und antisemitischen Attacken. Andererseits verschwand 1990 die DDR, doch die Logik ihres Systems blieb durchaus erhalten und spiegelt sich in Erzählungen einer „Pittiplatsch-Variante“ der DDR. Populismus und gesellschaftliche Spaltungstendenzen sind die Folgen. Diese Entwicklungen sind auch deshalb möglich, weil in den 30 Jahren nach Friedlicher Revolution und Wiedervereinigung eine tiefgründige Aufarbeitung der erlebten zwei Diktaturen, so die These der studierten Germanistin, Philosophin und Soziologin und langjährigen Professorin für Deutsche Verssprache an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ in Berlin, ausblieb. Für die Bewältigung braucht es Zeit und das Ansprechen der Themen, so am kommenden Donnerstag im Hoffmann-Museum im M2K im Schloss Fallersleben.
 
Foto: oh/Amac Garbe
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